Wurum Dialekt?

Ab in die Heimatschublade! Klagelied einer Mundart-Autorin

Ständig diese Rechtfertigungen! Wer in Mundart schreibt, hat erst einmal eine Bringschuld: Er muss möglichst zügig darauf hinweisen, dass er nicht beschränkt ist, dass seine Sprache nicht verstümmelt, sein Denken nicht stehengeblieben ist. Das nervt! Im umgekehrten Fall ist es ja auch nicht so, dass Autoren, die in der Hochsprache schreiben (die, wie wir wissen, ein Konstrukt ist), sich dafür entschuldigen, dass es ihnen an Ursprünglichkeit, Wärme und Witz fehlt, der bei der Mundart mit großer Sicherheit anzutreffen ist.

Ein weiterer Rechtfertigungsdruck: dass wir nichts mit dem Heimatbegriff, der so dumpf aus dem 3. Reich heraufmodert, zu tun haben. Wir Mundartliteraten schmoren nicht im braunen Saft. Wir sind kreativ, manchmal anarchisch, wir lieben Brüche, und unsere Sprache ist ein wunderbares Transportmittel. Natürlich finden sich literarisch gesehen auch hier qualitative Unterschiede wie überall.

Dialekt und Heimat – ein verhängnisvolles Paar. Schon ist man bei der nächsten Bringschuld. Heimat – Rrrrumtata! Ist ja gut! Nur: Warum trifft man so häufig auf eine Ablehnung des Heimatlichen? Heimat – o geh mir weg mit Heimat! Also Weggehen ist schon mal gut! Denn oft erfährt man erst beim Weggehen, was das ist, Heimat. Wer mit Heimat nur Traktoren und Trachtenkapellen assoziiert, dem ist allerdings nicht zu helfen.

Ich mache jetzt mal einen Test und werfe heimatlos in den Ring. Das ruft garantiert die Vertriebenen in der ganzen Welt auf den Plan, Dichter, Philosophen und Schlagersänger inbegriffen. Denn dieser artikulierte Schmerz ist erlaubt, er ist sogar erwünscht. Heimatlos zu sein – das kennen die meisten aus eigener Erfahrung. Bei manchen ist es noch ganz frisch.

Heimatlos zu sein bedeutet Amputation, Phantomschmerz lebenslänglich. Vertrieben aus einem geliebten Ort, getrennt von geliebten Menschen, der geliebten Sprache. Vertrieben ein weiteres Mal durch Aussonderung, durch die Geringschätzung des Verlorenen. Die alte Sprache taugt nicht mehr. Eine neue muss her. Nicht viel anders erging es früher Schulkindern, die im Dialekt aufgewachsen waren, und die sich dann in höheren Schulen die andere, die „richtige“ Sprache anverwandeln mussten. Dialekt war minderwertig geworden, hinderlich. Man wurde als Dialektsprecher angreifbar und blieb es lange Zeit. Doch der Dialekt hat auch etwas von einer Geheimsprache. Einem übergeworfenen Zaubermantel. Passt nicht jedem. Ein bisschen ist man dann Ausländer im eigenen Land. Formuliert hat das einer, der es wissen muss, der kölsche Liedermacher und Rocksänger Wolfgang Niedecken in seinem Buch „Für ne Moment“:

“ (…) Ohne es zu wollen, machte ich mich durch die „anderen kölschen Leeder“, die ich schrieb, zum Fremden in meiner eigenen Sprache und manchmal zum Fremden in meiner eigenen Band, wenn unterschwellig wieder einmal zu spüren war, dass die anderen den Dialekt als Hindernis auf dem Weg zu einem noch größeren Erfolg betrachteten. (…) An einer Hand konnte ich mir mittlerweile die Menschen abzählen, mit denen ich in meinem unmittelbaren Umfeld Kölsch sprach, und vor manch einem neuen Text fragte ich mich selbst, ob der Dialekt noch die Sprache meiner Empfindungen war. Die Antwort war allerdings immer eindeutig: Ja!“

„Aber vielleicht nehme ich bald Plattdeutsch-Unterricht“: Damit endete der Heimat-Artikel im Spiegel. Ich freue mich und sage: „Tun Sie’s“

(Blog zum Thema „Was ist Heimat?“ im Spiegel, Ausgabe vom 8.4.2012)

 

Zurückgekommen

oder

Keine Angst vor dem Bollenhut

Wenn ich die letzten Heftli der Muetterschproch-Gsellschaft durchblättere mit ihren Versen, Bildern und Geschichtlein, wenn bei der Jahresversammlung Bollenhut und Schwarzwäldertrachten aufmarschieren, ich mich umsehe und frage, ob das nun der Preis für meine neu erwachte Liebe zur Sprache meiner Kindheit ist, ja, was dann?

Es ist ein Verein – wie viele andere eben, ein Heimatverein. Und ein Heimwehverein dazu, weil der Blick so gern in die Vergangenheit schweift, die alemannische Sprache als Ausdruck unseres kraftvollen Kerns gefeiert wird, eine Kultur, mit der wir uns über die Jetztzeit hinwegtrösten und die uns schützen soll vor einer feindlichen Übernahme durch das Hochdeutsche mit seinen Anglizismen.

Und da gehöre ich jetzt also dazu und will es doch nicht so ganz und frage mich warum.

In mir rebelliert noch immer die einstige Jugendliche, die mit derlei nichts zu tun haben wollte: mit Trachten nicht und nicht mit Blasmusik, deutsche Volksmusik nein danke, bloß keine deutschen Schlager, so herzzerreißend einfältig und für mein gefährlich schwankendes Herz der blanke Hohn. Niemals hätte ich solche direkten Worte auf mich selbst anwenden wollen: Liebe. Sehnsucht. Du, nur du allein.

Bei uns jungen Leuten war alles viel vertrackter. Daher musste es englisch sein, englisch schafft Distanz. Distanz zur Heimat, zum Dialekt, zum Alltäglichen, Gewöhnlichen.

Ist der Dialekt denn gewöhnlich? Sprechen ihn nur die gewöhnlichen Leute, die einfache Bevölkerung? Oder ist er auch eine Geheimsprache, etwas, das man sich erst erarbeiten muss, wenn man von außen kommt?

Der Dialekt kann etwas sehr Starkes sein: wir gegen den Rest der Welt, heute ein kleines Kunststück vor dem laufenden Fernseher, den es natürlich früher so nicht gab. Und schon sind wir bei dem gefährlichen Wörtchen früher, „damals“ – hinter dem gerne Sätze kommen wie: damals gab es so etwas nicht. Oder: damals war alles besser.

Damals: Man wusste, wer man ist, was man hat, wer die anderen sind, was man an ihnen hat. Wer dazu gehört und wer nicht. Familiengeschichten machten die Runde, vielleicht erzog ja wirklich das ganze Dorf ein Kind. Es gab da einen, der lächelnd die Straßen fegte und nicht ganz richtig im Kopf war, es gab ein paar wenige Autoritätspersonen, einen besonders Reichen, ein paar besonders Arme.

Aber das alles liegt in Gottes Namen, und von ihm wird auch noch die Rede sein, mindestens vierzig, wenn nicht fünfzig Jahre zurück. Denn das Dorf von früher gibt es so nicht mehr. Pfarrer, Lehrer und Doktor werden nicht mehr gefürchtet, sondern kritisch beäugt. Der Straßenfeger wäre ein anerkannter Behinderter, und reich und arm ist nicht so ohne weiteres mehr auszumachen. Autos haben fast alle, man trifft sich jetzt auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt, die meisten Kinder besuchen fortführende Schulen und meiden die Enge des heimatlichen Tals. Und sie meiden ihren Dialekt.

Also ist der Dialekt etwas für die Zurückgebliebenen – oder die Übriggebliebenen?

Und wie ist es mit den Zurückgekommenen? Was suchen diese denn – wenn sie überhaupt etwas suchen?

Aber sicher suchen sie etwas! Suchen nach dem, was früher war: die phantastische Freiheit auf leeren Straßen, in alten Schuppen, Steinbrüchen oder am Fluss. Den Geschmack von Teer und Staub nach einem Gewitterregen. Die Brennesseln am Bein, Hänge voller Himbeeren, der verschüttete Eingang zu einer Burg. Es ist dieser Taumel, der gesucht wird, diese grandios bunte Zeit der Freuden und der Schrecken, und mit ihr kommt die Sprache wieder und das Wiedererkennen.

Der Dialekt am heimatlichen Ort als einer Stätte des Erinnerns ist also etwas für Altgewordene oder mindestens Ältere, die einen Bogen schlagen wollen: sehr weit oder auch weniger weit gereist, suchen sie sich selbst. Wer war ich damals und wie ist das heute mit mir? Ist es wirklich so, dass früher alles viel intensiver erlebt wurde, auch wenn wir heute so stark auf unser Bewusstsein abheben und keine Minute ungenutzt verstreichen darf? Was waren das damals – jawohl, damals – für wilde und heiße Sommertage, wieviel Düfte, wieviel Geschmack! Herzklopfen und Heimlichkeiten. Feste, Warten und nochmals Warten in großer Unruhe und Aufregung. Wie viel Ängste auch und schlechtes Gewissen. Die Beichte am Samstag. Gott, der alles sieht. Aber auch Gott, der uns behütet.

All das eingebettet in die Sprache der Kindheit.

Dörfliche, ländliche Kindheit. Nicht dass man einem Stadtkind eine spannende Kindheit absprechen möchte. Es wird sein Betätigungsfeld gesucht und es gefunden haben. Aber seine Erinnerungen sind andere. Seine Sprache ist eine andere. Frühe Sprache und Erinnerungen sind eins. Sich im Dialekt erinnern ist die Verzauberung eines Erwachsenen in das Kind von früher. Sein ungläubiges Lachen, wenn er auf ein längst verschüttetes Wort, eine Redewendung stößt, und dieser Fund, reich behangen mit bunten Fetzen, an sein einstiges Kinderherz pocht.

Sind Heimatvereine, in denen die Mundart gepflegt wird, deshalb etwas für alt gewordene Kinder? Ist es lächerlich, altes Handwerk vor dem Vergessen zu bewahren? Alte Lieder zu singen? Altüberlieferte Trachten zu tragen?

Nein, ganz gewiss nicht! Ein Augenzwinkern sollte dabei aber erlaubt sein, denn wir wollen ja nicht zurück. Wir könnten es gar nicht, selbst wenn wir wollten. Aber wenn wir das Heute verstehen wollen, müssen wir auch das Gestern kennen. Dazu gehört die Überlieferung von Traditionen, und nicht zuletzt die mündliche Überlieferung, und schon sind wir beim Dialekt.

Solange er gesprochen wird, können wir zurückkommen. Heimkommen. Heimat und Heimkommen haben miteinander zu tun. Sprache ist geistige Heimat. Beim Dialekt schwingen Leib und Seele mit. Das macht ihn zu allem hin auch noch so wunderbar sinnlich. Und wer möchte schließlich auf so etwas Schönes verzichten?

(2006)

 

Un nonemool uf alemannisch:

Nit numme vo geschtern un vorgeschtern schriibe wott i, han i emol gsait. Des isch wohr. Un ainewäg stimmts nit ganz. Wer in de Kindheit Dialekt schwätzt, däno furtgoht und „hochdütsch“ wird, findet bim Zruckko in sini Kindersprooch e kleins Paradies, wo s z Entdecke git. Un bim gnauere Hiiluege findet er natürlig au des eini oder anderi Fägfüürli oder au en Zipfel vo de Höll. S isch nit numme schön gsi frühejer, des wüsse mer alli – au wämmer hüt über vils lache, was frühjer nit zum Lache gsi isch. Min Dialekt isch mini Kindheit, un des isch lang her. Schriibe, dichte im Dialekt isch de Boge spanne zwüsche hüt un geschtern. Des soll aber nit heiße, dass en Dialekt vo geschtern isch. Er läbt, un er isch – hoffentlig – nit dotzkriege, au wenn en di Junge verlehre oder er am e schöne Dag villicht de Globalisierig zum Opfer fallt.

(Hausach, 2007)

Ich glaube, es besteht ein Bedarf, über alemannische Literatur zu sprechen. Das Lager teilt sich in (mindestens) zwei Haufen: Ländliche Idylle und moderne, anspruchsvolle Mundart. Letztere wird von den Idyllikern gemieden, und die Anspruchsvollen wollen alles sein, nur nicht idyllisch.

Und doch gibt es etwas, das im besten Fall beide miteinander verbindet. Es ist der Humor, Vater und Mutter aller Weisheit, dazu der ganz besondere Humor eines Dialekts. Wenn er fehlt, ist der alemannischen Literatur nicht zu helfen, ist übrigens auch keiner anderen Literatur zu helfen.

(2007)

Warum bloß auf alemannisch?

Dichten in der Hochsprache: auch das gab es einmal. Bis mir eine alte, äußerst versierte Dichterin mitteilte, dass man meinen hochdeutschen Gedichten die Mühe anmerkte, die sie kosteten.
Etwas Besseres konnte mir nicht passieren. Die alemannischen Gedichte durften kommen. Und sie kamen, wie Gedichte im besten Fall kommen: durch seelische Berührung, Erregung, Flügelschläge in der Brust.
Ich war gemeint!
Papageienvögel im Maisfeld, Taschen aus Schnee am Hang, der mondhelle Kniepsand. Es kamen Bilder aus der Kinderzeit, Gedanken zum Alter. Die alemannische Fasnacht. Und immer wieder die Natur, die zu mir sprach. Mich festhielt. Erinnert sein wollte, im alemannischen Gedicht, der Sprache meiner Kindheit, geweckt aus einem alten Schlummer.
Dichten = Bildhauern
Flügelschläge allein machen kein Gedicht.
Einem inneren Bild, einer Unruhe nachgehen und Worte dafür finden. Bildhauern, geführt und genarrt von einem Phantom. All das Weggehauene, hat es nicht viel mehr poetisches Potenzial als das mühsam Gerettete? Das bisschen Gedicht am Ende? Manchmal kommt, sehr beiläufig und wie aus Versehen, etwas ganz anderes daher. Hat scheinbar gar nichts mit diesem ehrenwerten Ringen der letzten Tage und Wochen zu tun. Ist ein Geschenk.
Einfach so und einfach da. Dankbarkeit, auch das gibt es beim Dichten.

(2011)

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